Buntes Treiben mit einigen grauen Flecken …
Kommentar zum Artikel von Joachim Güntner „Buntes Treiben mit einigen grauen Flecken“ von Joachim Güntner (NZZ, 22.03.2010)
Durch die Messestände zu schlendern ist das eine. Einen Bericht nach Zürich zu schicken um den Nichtdagewesenen davon zu erzählen, ist das andere. Über Allerweltsnamen wie von der abwesenden Helene Hegemann und den anwesenden Arno Geiger, Nina Hagen, Günter Grass oder Martin Walser wird geschrieben und zeitgleich die Abwesenheit von ‚internationalen Stars’ notiert. Die Fixierung auf Namen mit Promieffekt macht das Lesen einer Zeitung langweilig. Ja, es gibt sie, die neugierigen NZZ-Leser, die entdecken möchten. Zum Beispiel der Dittrich Verlag mit seiner Gesamtausgabe von Edgar Hilsenrath und Erasmus Schöfer. Die Dahlemer Verlagsanstalt mit junger Lyrik. Oder der Abend in einer Buchhandlung, an dem Nora Gomringer mit ihrer Performance den anwesenden Klaus Wagenbach entzückte. Oder die Lesungen in einem Café aus originellen Kriminalromanen, die Einblicke in die letzten Jahrhunderte vermittelten. Oder da wären die Messelesungen des Schauspielers Thomas Sarbacher aus einem Buch des neuen Verlages Walde & Graf, der in Zürich lebenden Ulrike Ulrich aus ihrem ersten Roman „Fern bleiben“ (Luftschacht) oder die Poetry-Slam-Lesungen von Autoren aus dem Hause Voland & Quist, das von der Kurt-Wolff-Stiftung anlässlich der Messe geehrt wurde. Oder man könnte vom TvR-Verlag berichten, der das erstaunliche Buch von Felix Somary (1881 – 1956) „Krise und Zukunft der Demokratie“ neu auflegte.
Die Buchmesse Leipzig ist immer wieder ein Schmelztigel von Entdeckungen, die die Zuhausegebliebenen gerne durch einen neugieren Korrespondenten ihres Leibblattes vermittelt haben möchten. Vom Promilärm erfahren sie genug.
Urs Heinz Aerni
